Vor vielen Jahren habe ich mir angewöhnt, kurz vor meinem Geburtstag eine Art Jahresrückblick zu verfassen. Nicht nur, um meinen Freunden, Geschäftspartnern, ehemaligen Klienten und deren Angehörigen meine momentane Befindlichkeit zu vermitteln, von Reisen beruflicher oder privater Natur zu berichten, sondern auch – oder besser gesagt vor allem – um selbst innezuhalten.
Ich lasse das vergangene Jahr Revue passieren und ordne meine Gedanken: Was habe ich geschafft oder unternommen, welche Erlebnisse haben mich geprägt und welche Begegnungen inspiriert, woraus durfte ich lernen und woran durfte ich wachsen?
Wir leben in einer Zeit, in der die Geschehnisse auf der großen Weltbühne uns abverlangen, nicht nur seine Privilegien zu genießen und sich auf dem Erreichten auszuruhen. Deshalb wurden meine persönlichen Erlebnisse schon im vergangenen Jahr zur Randnotiz, vielmehr wollte ich darüber berichten, welche Leistungen die Lehnhardt Stiftung erbringen konnte. Gemeinsam mit Visionären und Mitstreitern gelang es, eine Einrichtung zu schaffen, die vielen Kindern Gehör schenkte – und das nicht nur im übertragenen Sinn.
Trotz des Krieges, der mitten in Europa wütet, und obwohl Verunsicherung in allen Teilen der Welt uns belastet, konnte durch die unermüdlichen Aktivitäten der Stiftung viel Gutes entstehen. Ich empfinde es als Pflicht der Privilegierten, nicht untätig zuzuschauen oder gar bewußt wegzuschauen, sondern zu überlegen, welchen Beitrag man zu leisten im Stande ist.
Kurz vor meinem 80. Geburtstag kam mir der Gedanke, mein Innehalten zu intensivieren und meinen Blick in die Vergangenheit ein wenig tiefer schweifen zu lassen. Eine Rückschau, die mehr ist als ein oberflächliches Geplauder über Wiener Schnit- zel, Neujahrskonzerte, rauschende Bälle oder Reisen in die weite Welt. Eine Rückschau, die ein Licht darauf wirft, woher ich komme, was mich antreibt, die ein Bild davon zeichnet, wer ich bin.
Oft stand ich an Kreuzungen, deren Wegweiser nur vage eine Richtung andeuteten, an denen es mehr als fraglich war, welchen Pfad ich nehmen sollte.
Ich möchte davon erzählen, wie ich meinen Weg gefunden habe und ich hoffe, dass junge Menschen daraus lesen, dass nicht schicksalhaft bestimmt ist, in welchem Beruf, in welchem Milieu man landet. Es gibt Faktoren, die wir durchaus beeinflussen kön- nen, auch wenn die Vorzeichen einen anderen Verlauf erwarten lassen.
Mit einer Portion Glück, aber vor allem dank meines unbeugsamen Willens ist es mir gelungen, meinen Traum von Unabhängigkeit wahr zu machen.
»Fortes fortuna adiuvat« – ich möchte es so formulieren: die Tüchtigen haben öfter Glück.
Mein Weg war nicht vorab geebnet. Ich habe hart dafür gearbeitet, um dahin zu gelangen, wo ich heute bin.
Nichts ist einfach passiert oder mir in den Schoß gefallen – ich habe stets mein Leben selbst gestaltet.